Technisches - unsere Lebensform und wie wir sie erschaffen

Ontologische Prämissen, Theoretisches und Technisches in Kürze

»Die schöne Totalität des Individuums wird von unserer Gesellschaftsordnung nicht verstümmelt, unterdrückt, entstellt; vielmehr wird das Individuum darin dank einer Taktik der Kräfte und der Körper sorgfältig fabriziert. […] Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, die wir selber in Gang halten – jeder ein Rädchen.« (Foucault, ÜS (2014) 278f)

  • Ziel unserer Selbstformierung ist es, bestimmte Subjektzustände im Denken, Sprechen, Handeln und Empfinden zu erzeugen; ziel unserer Gruppenformierung ist es, eine Gemeinschaft nach unseren Vorstellungen und Wünschen zu erschaffen. Hierzu bedienen wir uns gängiger Mittel der Gruppengestaltung, benutzen aber auch spezielle Techniken der konstruktivistischen Selbst- und Gruppenbildung: u.a. die »Subjektivierung selbstgewählter Wahrheiten« durch mnemotechnische Übungen (u.a. »Wahrheitsaskese«), die »Kontrolle unserer Vorstellungen« und Selbstprüfungstechniken. (Vgl. Foucault, VL 79/80 (2014) 210ff; ders., DE IV (2005) 132; 423ff; 875ff; 966ff)

»[…] die ›Techniken des Selbst‹, wie man sie nennen könnte, also die in allen Kulturen anzutreffenden Verfahren zu Beherrschung oder Erkenntnis seiner selbst, mit denen der Einzelne seine Identität festlegen, aufrechterhalten oder im Blick auf bestimmte Ziele verändern kann oder soll. […] was man mit sich selbst tun, welche Arbeit man an sich verrichten und wie man ›Herrschaft über sich selbst‹ erlangen soll durch Aktivitäten, in denen man selbst zugleich Ziel, Handlungsfeld, Mittel und handelndes Subjekt ist.« (Foucault, DE IV (2005) 259)

»Ich lege [nur] Wert darauf, dass dieser Wechsel weder die Form einer plötzlichen Veränderung, ›die Augen öffnenden‹ Erleuchtung noch die einer Durchlässigkeit für alle gerade irgendwo auftauchenden Bewegungen hat; ich möchte, dass dies eine Ausarbeitung von sich für sich ist, eine strebsame Verwandlung, eine langsame und schwierige Veränderung in beständiger Sorge um die Wahrheit.« (Foucault, DE IV (2005) 832f)

  • So entnehmen wir einem subjekt-theoretischen Ansatz wie er in den späten Schriften von Michel Foucault erscheint, das Prinzip, dass alle Aspekte, die unsere Persönlichkeit, unser Bewusstsein (»Subjektivität«) ausmachen, erlernte (»subjektivierte«) Dinge sind. Im Horizont dieses Wissen, sind wir frei unser Denken, Empfinden und Handeln nach unsern Maßstäben neu zu gestalten. Dies behinhaltet Aspekte unserer Existenz, die uns stören zu verlernen (»dediscere«) und andere, die wir anstreben, zu erlernen. Durch diese Arbeit von uns selbst und an uns selbst modifizieren wir uns selbst als Subjekte - unsere Subjektivität: die Erfahrung unseres Selbst in bestimmten Wahrheitsspielen, die Form unseres Selbstbezuges, die Wahrnehmungsmöglichkeit von Objekten in unserer Erfahrungswelt und damit letztlich unseren ganzen Erfahrungshorizont. (Vgl. Foucault, DE IV (2005) 780; ders., VL 79/80 (2014) 161)

Wahrheit entsteht in einem Spiel. »Wenn ich von ›Spiel‹ spreche, dann spreche ich von einer Gesamtheit von Regeln zur Herstellung der Wahrheit. […] es besteht in einer Gesamtheit von Verfahren, die zu einem bestimmten Resultat führen, das nach Maßgabe seiner Prinzipien und Verfahrensregeln als gültig oder ungültig, als erfolgreich oder als erfolglos betrachtet werden kann.« (Foucault, DE IV (2005) 897)

»Wir haben es hier mit einem Ensemble von Techniken zu tun, deren Ziel es ist, Subjekt und Wahrheit miteinander zu verbinden. Klar muss dabei allerdings sein, dass es nicht darum geht, im Subjekt eine Wahrheit zu entdecken oder aus der Seele den Ort zu machen, wo die Wahrheit aufgrund einer Wesensverwandtschaft oder eines Ursprungsrechts zu finden wäre; auch geht es nicht darum, die Seele zum Gegenstand eines wahren Diskurses zu machen. Wir sind noch sehr weit von einer Hermeneutik des Subjekts entfernt. Es geht vielmehr darum, das Subjekt mit einer Wahrheit auszurüsten, die es nicht bereits kannte und die nicht bereits in ihm vorhanden war. Es geht darum, aus der gelernten, dem Gedächtnis einverleibten und schrittweise in Anwendung gebrachten Wahrheit ein Quasi-Subjekt zu machen, das souverän in uns herrscht.« (a.a.O., 132f)

  • Ebenfalls nach Foucaults Machttheorie gibt es keine Gruppe, keine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen: jede soziale Beziehung ist koextensiv mit der Möglichkeit zur Machtausübung; Machtbeziehungen sind allen Typen von Verhältnissen immanent; sie werden durch Ungleichheit der Kräfteverhältnisse erzeugt. Machtausübung existiert dabei nur als Form handelnder Einwirkung auf andere; sie ist ein auf Handeln gerichtetes Handeln, welches das mögliche Handlungsfeld der anderen strukturiert, um so das Verhalten der anderen zu lenken und den Modus ihrer Verhaltensführung zu formen oder zu verändern. Durch ein Ensemble der Machtausübung werden Menschen geführt und regiert: Anreize werden geboten, es wird verleitet, verführt, erleichtert oder erschwert; Handlungsmöglichkeiten werden erweitert oder eingeschränkt; Wahrscheinlichen von Handlungen werden erhöht oder gesenkt. (Vgl. Foucault, DE IV (2005) 269ff; 780ff; 875ff; ders., WzW (2014) 93f)

»Woher kommt die Neigung, die […] Herrschaft auf die Prozedur des Untersagungsgesetzes zu reduzieren? Ein allgemeiner und taktischer Grund scheint sich von selbst zu verstehen: nur unter der Bedingung, dass sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verschleiert, ist die Macht erträglich. Ihr Durchsetzungserfolg entspricht ihrem Vermögen, ihre Mechanismen zu verbergen. Würde die Macht akzeptiert, wenn sie gänzlich zynisch wäre? Das Geheimnis stellt für sie keinen Missbrauch dar, sondern ist unerlässlich für ihr Funktionieren.« (Foucault, WzW (2014) 87)

»Die Machtbeziehungen verhalten sich zu anderen Typen von Verhältnissen (ökonomischen Prozessen, Erkenntnisrelationen, sexuellen Beziehungen) nicht als etwas Äußeres, sondern sind ihnen immanent. Sie sind einerseits die unmittelbaren Auswirkungen von Teilungen, Ungleichheiten und Ungleichgewichten, die in jenen Verhältnissen zustande kommen, und anderseits sind sie die inneren Bedingungen jener Differenzierungen. Die Machtbeziehungen bilden nicht den Überbau, der nur eine hemmende oder aufrechterhaltende Rolle spielt — wo sie eine Rolle spielen, wirken sie unmittelbar hervorbringend.« (Foucault, WzW (2014) 94)

  • Da wir uns dieser ontologischen, nicht zu beseitigenden Mechanismen sozial-politischer Existenz bewusst sind, negieren wir diese nicht, sondern benutzen ihre Effekte in transparenter und konsensueller Weise für unsere Gruppen- und Selbstgestaltung. Durch die Etablierung einer eigene Ökonomie von Produktion und Distribution von Machtbeziehungen innerhalb unserer Gruppe haben wir unsere gegenseitige Verhaltenslenkung bereits im Vorhinein gut geregelt: So haben wir Areale und bestimmte Führungstechniken definiert, um uns wechselseitig und gegenseitig zu führen, um uns zu unseren gewünschten Seinsweisen Zugang zu verschaffen. Da jede Machtbeziehung mit einem System von Differenzierungen bzw. Hierarchisierungen (z.B. rechtlicher Status, ökonomische Unterschiede, Privilegien) arbeitet, wir konvergierende mittelfristige und langfristige Lebensziele verfolgen, gibt es in unserer Gemeinschaft aktuell ohnehin nur noch wenige Möglichkeiten gruppenspezifischer Hegemonie. (Vgl. Foucault, DE IV (2005) 288ff, 902; ders., DE III (2003) 667)

»[…] dass sich keine Macht von selbst versteht, dasss keine Macht, welche es auch sei, evident oder unvermeidbar ist, dass folglich keine Macht es verdient, von vornheran akzeptiert zu werden. Es gibt keine intrinsische Rechtmäßigkeit der Macht. […] was [wird] aus dem Subjekt und den Erkenntniszusammenhängen, wenn keine Macht sich sowohl auf das Recht als auch auf die Notwendigkeit gründet, da alle Macht lediglich auf der Kontingenz und Fragilität der Geschichte beruht, wenn der Gesellschaftsvertrag ein Bluff und die Zivilgesellschaft ein Ammenmärchen ist, wenn es kein universales, unmittelbares und evidentes Recht gibt, das überall und immer irgendeine Machtbeziehung stützen könnte. […] Erstens geht es nicht darum, am Ende des Projekts eine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen in Aussicht zu stellen. […] Zweitens geht nicht darum, zu sagen, dass alle Macht schlecht ist, sondern darum, davon auszugehen, dass keine Macht, welche es auch sei, mit vollem Recht akzeptierbar und absolut und definitiv unvermeidbar ist. (Foucault, VL 79/80 (2014) 114f)