Veranstalter: Polymorphose - Verein für neue Lebensformen, autonome Selbstkulturen und ästhetische Lebenskünste e.V.
Zeitraum: Februar – Mai 2021,
Zeit: 19:30 - 21:30 Uhr
Frequenz: wöchentlich - immer mittwochs
Ort: Vereinsräume Rosenweg 3, OT Baek, 16928 Groß Pankow (Prignitz)
START: 03.02.2021
Anmeldung: Eine Teilnahme ist nur mit vorheriger unverbindlicher Anmeldung per Email oder Telefon möglich.
Lektüre- und Themenplan: Hier herunterladen
Im Februar 2020 startet der Polymorphose e.V. seine seminarartige Veranstaltungsreihe zu Michel Foucaults Schriften und Denken. Foucault gehört unserer Meinung nach zu den einflussreichsten Denkern der Gegenwart: er ist Begründer einer neuen »Diskursordnung«; sein Werk prägt entscheidend alle Kultur- und Sozialwissenschaften. Von 1970 bis zu seinem Tod 1984 hatte er einen der höchsten französischen Lehrstühle am Collège de France in Paris inne; er benannte ihn selbst: »Die Geschichte der Denksysteme«.
»Schließlich habe ich zu klären versucht – und daran arbeite ich auch gegenwärtig noch -, auf welche Weise ein Mensch zum Subjekt wird. Dabei habe ich meine Forschungen auf die Sexualität ausgerichtet und zum Beispiel untersucht, auf welche Weise der Mensch gelernt hat, sich als Subjekt einer ›Sexualität‹ zu begreifen. Das umfassende Thema meiner Arbeit ist also nicht die Macht, sondern das Subjekt.« (Foucault, DE IV (2005) 270)
Weiterhin wird die zentrale Problematik des Werkes untersucht: Wie wird die Regierung der Menschen durch die Wahrheit organisiert? Was ist ein »Wahrheitsregime«?
In diesem Zusammenhang werden die in der Textgrundlage enthaltenen Machttechniken und Selbsttechnologien (u.a. »Selbsterforschung«, »Gewissensführung«, »Wahrheitsaskese«, »Geständnis«) erschlossen.
Auf der einen Seite werden die Seminarteilnehmenden in Kenntnis dieser Machtmechanismen und -prozeduren für zukünftige Situationen sensibilisiert, in welchen diese auf sie selbst angewandt werden;
auf der anderen Seiten sollen sie sich in die Lage versetzen, in verschiedenen Lebenssituationen auf andere, d.h. neue und autonome Weise zu handeln, zu denken und zu empfinden: Stärkung des Selbst (instructio) oder auch »Entunterwerfung« - »Kunst, nicht dermaßen, regiert zu werden.«
Letztlich werden die im Werk enthaltenden wichtigen Aspekte (u.a. Selbstbeziehungs- / Selbsterkenntnismodi) für die Zusammenhänge von Wahrheit, autonomer Ethik und den Technologien des Selbst herausgearbeitet und für den Alltag nutzbar gemacht.
»Technologien des Selbst ermöglichen es dem Einzelnen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, […] erlangt.« (Foucault, DE IV (2005) 968)
»[…] die ›Techniken des Selbst‹, wie man sie nennen könnte, also die in allen Kulturen anzutreffenden Verfahren zu Beherrschung oder Erkenntnis seiner selbst, mit denen der Einzelne seine Identität festlegen, aufrechterhalten oder im Blick auf bestimmte Ziele verändern kann oder soll. […] was man mit sich selbst tun, welche Arbeit man an sich verrichten und wie man ›Herrschaft über sich selbst‹ erlangen soll durch Aktivitäten, in denen man selbst zugleich Ziel, Handlungsfeld, Mittel und handelndes Subjekt ist.« (Foucault, DE IV (2005) 259)
Im wöchentlichen Turnus (s. Lektüre- und Themenplan) wird je eine Sitzung der Vorlesung diskutiert und ausgewertet. Die Sitzungen sollen von allen Teilnehmenden vorbereitet und alternierend durch sie geleitet werden. Die wöchentliche Vorbereitungszeit beträgt für Foucault-Anfäger*innen ca. fünf Stunden; für die Vorbereitung bei Sitzungsleitung wird u.a. durch die Materialerstellung (z.B. Thesenpapier) nochmals mehr Arbeitszeit benötigt.
Am Ende der Seminarzeit sind Sitzungen ohne direkten Textbezug geplant, in welchen größere Zusammenhänge und Konzepte der Vorlesung sowie andere Fragen erschlossen werden können.
»Welche Beziehungen bestehen zwischen Wahrheit, Macht und Selbst?« (Foucault, DE IV (2005) 965f)
Auch eine abschnitts- oder themengerichtete Teilnahme an Veranstaltungsteilen wird gern gesehen.
Der Arbeitstext und andere Materialien (u.a. Übersichten, Thesenpapiere) werden zur Verfügung gestellt.
Es ist sinnvoll, das Werk selbst zu erwerben; ggf. kann eine Finanzierung über den Verein erfolgen: Michel Foucault, Die Regierung der Lebenden - Vorlesung am Collège de France 1979-1980, Suhrkamp, 1. Auf.,Berlin, 2014.
Hier findet ihr eine Vorlesungszummenfassung.
Weitere Themenschwerpunkte sind dem Lektüre- und Themenplan zu entnehmen.
»In der Tat, wie könnte man die Menschen regieren, ohne zu wissen, ohne zu erkennen, ohne sich zu informieren, ohne Kenntnis der Ordnung der Dinge und des Verhaltens der Individuen zu haben? Kurz, wie könnte man regieren, ohne das zu kennen, was man regiert, ohne die zu kennen, die man regiert, und ohne die Mittel des Regierens und diese Menschen und diese Dinge zu kennen?« (Foucault, VL 79-80 (2014) 19)
»Hegemonie, ist einfach die Tatsache, isch in den Köpfen der anderen zu befinden, sie zu leiten und gewissermaßen ihr Verhalten zu lenken - […] es gibt wahrscheinlich keine Hegemonie, die ohne etwas wie eine Alethirgie ausgeübt werden kann.« (Foucault, VL 79-80 (2014) 22)
»[…] kommen wir nun zu der Frage, über die ich dieses Jahr sprechen möchte: die Regierung der Menschen durch die Manifestation der Wahrheit in Form der Subjektivität. Weshalb, in welcher Form gibt es in einer Gesellschaft wie der unseren eine so tiefe Verbindung zwischen der Ausübung von Macht und der Pflicht der Individuen, sich bei den Verfahren der Wahrheitsmanifestation, bei den Verfahren der Alethurgie, deren die Macht bedarf, selbst zu wesentlichen Akteuren zu machen? Welche Beziehung besteht zwischen dem Faktum, in einer Machtbeziehung Untertan (sujet) zu sein, und dem Subjekt (sujet), durch das, für das und in Bezug auf das sich eine Wahrheit offenbart? Was ist dieser Doppelsinn des Wortes »sujet«, Untertan in einer Machtbeziehung, Subjekt in einer Wahrheitsmanifestation?« (Foucault, VL 79-80 (2014) 118)
»Wir haben das Problem so ziemlich eingerahmt: Weshalb und wieso verlangt in unserer Gesellschaft die Ausübung von Macht, die Ausübung von Macht als Regierung der Menschen, nicht nur Gehorsams- und Unterwerfungsakte, sondern auch Wahrheitsakte, bei denen die Individuen, die in der Machtbeziehung Untertanen (sujets) sind, als Akteure, bezeugende Zuschauer oder Objekte innerhalb der Verfahren der Wahrheitsmanifestation gleichzeitig auch Subjekte (sujets) sind? Eshalb hat sich in dieser Großökonomie der Machtbeziehungen ein an die Subjektivität gekoppeltes Wahrheitsregime entwickelt? Weshalb verlangt die Macht (und das in unseren Gesellschaften seit Jahrtausenden) von den Individuen nicht nur zu sagen, ›hier bin ich, hier bin ich, der gehorcht‹, sondern verlangt verlangt von ihnen außerdem zu sagen ›das bin ich, ich, der gehorcht, das bin ich, das habe ich gesehen, das habe ich getan‹?« (Foucault, VL 79-80 (2014) 120)
»Ich glaube, hier befindet man sich im Herzen dessen, was das Eigentümliche der christlichen Führung ausmacht und in Wahrheit Gegenstand der Vorlesung ist, die ich dieses Jahr halte. […] Es geht in der Tat darum, die beiden folgenden Pflichten miteinander zu verknüpfen: in allem zu gehorchen und sodann nichts zu verbergen. Oder anders gesagt, das Prinzip: nichts von selbst zu wollen, und das Prinzip: alles über sich zu sagen, miteinander zu verknüpfen. Alles über sich zu sagen, nichts zu verheimlichen, nichts von selber zu wollen, in allem zu gehorchen; die Verknüpfung dieser beiden Prinzipien ist, wie ich glaube, nicht nur der Kern der Institution des christlichen Klosters, sondern auch der Kern einer ganzen Reihe von Praktiken, Dispositiven, die das ausmachen, was die christliche Subjektivität konstruiert und damit die abendländische Subjektivität.« (Foucault, VL 79-80 (2014) 354)
»Sich selbst zu diskursivieren, ist im christlichen Abendland in der Tat eine der großen Leitlinien beim Aufbau der Beziehungen zwischen Subjektivität und Wahrheit. Subjektivität und Wahrheit sind nicht so sehr, nicht im Wesentlichen, auf alle Fälle nicht nur über den Zugang des Subjekts zur Wahrheit miteinander verbunden. Es bedarf auch immer der Versenkung des Subjekts in seine eigene Wahrheit, die über die fortwährende Diskursivierung seiner selbst vermittelt wird.« (Foucault, VL 79-80 (2014) 414f; Hervorgebung im Original nicht vorhanden)