Veranstalter: Polymorphose - Verein für neue Lebensformen, autonome Selbstkulturen und ästhetische Lebenskünste e.V.
Datum: Februar – Juli 2019, jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat
Zeit: ab 18 Uhr Abendbrot, gegen 19:30 Uhr Programm, Ende gegen 21 Uhr
Ort: Vereinsräume Rosenweg 3, 16928 Groß Pankow (OT Baek)
START: 27.02.2018
Anmeldung: Wir freuen uns darüber, wenn ihr Euch vorher unverbindlich anmeldet.
Kurzinfo: Der Stammtisch findet regelmäßig alle 14-Tage in lockerer unverbindlicher Atmosphäre statt.
Auf Anfrage kann auch außerhalb des Stammtisches eine Beratung und Bescheid-Prüfung erfolgen.
In Deutschland besitzen 36 Individuen soviel Vermögen wie die gesamte Hälfte der ärmeren Bevölkerung; das reichste Prozent besitzt gar soviel wie die unteren 88 Prozent; es sind hierzulande knapp zwei Millionen Menschen, die Millionäre sind. Auch in den letzten Jahren der sog. ›Krise‹ ist das Vermögen des reichsten Prozentes durch leistungsloses Einkommen noch gestiegen: in 2017 zuletzt um 22 Prozent auf nunmehr knapp 33 Prozent des Gesamtreichtums, von dem die untere Hälfte der Bevölkerung nur noch 2,4 Prozent besitzt - vor 50 Jahren waren es noch 33% (Oxfam, 2018). 13,7 Millionen Menschen leben in Deuschland in Armut – das sind 16,8 Prozent der Gesamtbevölkerung (Armutsbericht Paritätischer Gesamtverband).
In Deutschland leben 6,76 Millionen Menschen, die von Grundsicherungen betroffen sind, darunter zwei Millionen Kinder und Jugendliche (Stand Mai 2018). Hiervon gehen knapp 1,1 Millionen einer Erwerbstätigkeit nach, deren Entlohnung oder zeitliche Auslastung nicht ausreicht und somit mit Grundsicherungsleistungen aufgestockt werden muss (o-ton-arbeitsmarkt).
In Deutschland arbeiten 3,7 Millionen Menschen in Vollzeit (40-Stunden) für ein Entgelt von unter 10,50 Euro pro Stunde: der Niedriglohnschwelle. Werden alle abhängig Beschäftigten berücksichtigt entspricht dies einer deutschlandweiten Quote von 22,5% - also fast jeder vierten Person; in Mecklenburg-Vorpommern ist es jede dritte (36,7%). Indes stagniert die Zahl der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigen seit 2003 weitgehend, bei gleichzeitiger Zunahme ›atypischer Beschäftigungsverhältnisse‹ von 14 auf 22,2 Millionen: hierunter zählen u.a. befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit, geringfügig sowie sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigte (WSWS).
Bereits 2017 hatten in Deutschland rund drei Millionen berentete Menschen einen Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung; spätestens ab 2030 werden mehr als 40% der Neurentner auf ALGII-Niveau verrentet werden, da sie durch Zeiten der Erwerbslosigkeit, aber vor allem durch einen stetigen Niedriglohn unter 13 Euro pro Stunde nicht genug Rentenpunkte ansammeln konnten, um eine höhere Rentenleistung zu erreichen. Besonders zynisch ist der Umstand, dass ein Großteil ihr ganzes Erwerbsleben Rentenbeiträge geleistet hat und im Grundsicherungsfall nun soviel Geldmittel erhält wie Menschen, die nie etwas eingezahlt haben.
Letztlich ist statistisch hervorzuheben, dass arme Menschen im Schnitt neun Jahre früher sterben als wohlhabende.
In Deutschland war und ist ein zentraler Ausgangspunkt dieser massiven Umverteilung die rot-grüne (neoliberale) ›Agenda 2010‹: Absenkung des Rentenniveaus; Reduzierung des Spitzensteuersatzes und der Unternehmensbesteuerung; Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau; Aufbau eines der »besten Niedriglohnsektoren« Europas (Gerhard Schröder) sowie die Installation eines vollendeten Kontroll- und Unterwerfungswerkzeuges: die Möglichkeit die Mittel der Grundsicherung auf null zu kürzen. Ähnlich makellos wie die Überwachungs- und Sanktionsmöglichkeiten im Bereich des SGB II funktioniert(e) die Wissensverbreitung des hegemonialen Diskurses durch Medien, staatlichen Stellen, Denkfabriken und Stiftungen: das Resultat war die Fabrikation eines neues Subjektes, das von den anderen als faul und unfähig angesehen wird, das die Ursachen seiner Armut bei sich selbst sucht und das in Folge dessen noch mehr abschöpfbaren Mehrwert produziert.
Der Polymorphose e.V. lädt ein zum Stammtisch, der den Themen Arbeit, Sozialhilfe, ALG2 und Grundsicherung im Alter gewidmet ist sowie den Sachverhalten, die mit ihnen verbunden sind. Der Stammtisch ist Ort von Wissens- und Subjektbildung und eröffnet dabei folgende Möglichkeiten:
bietet er Menschen, die von Grundsicherung betroffen sind, einen geschützten Raum des (Erfahrungs-)Austausches und der Hilfe zur Selbsthilfe durch: Stärkung der Person in Denken, Empfinden und Lebenswandel, Bescheid-Prüfung, rechtliche Beratung, Hilfe beim Schriftverkehr mit den Behörden (Anträge, Widersprüche, Klagen) und eine Möglichkeit zur Einübung bestimmter Elemente der Gesprächsführung, um den verbalen Umgang mit den Sachbearbeiter*innen zu erleichtern.
bietet er Menschen, die bald oder eventuell von Grundsicherung betroffen sind – jung wie alt – durch seine Teilnehmenden eine erste Hilfestellung und Beratung in rechtlichen und strategischen Dingen. Hier kann eine Stärkung und Sicherheit in der Entscheidung erlangt werden, Grundsicherung zu beantragen sowie der Erstantrag unter Hilfe ausgefüllt werden.
finden sich hier Menschen, die eine Begleitung als ›Beistand‹ bei den Behörden sein können (vgl. §13 Abs. 1 SGB X), um das Vorbringen der eigenen Wünsche und Perspektive zu erleichtern sowie unangemessenes Verhalten und Willkür der Sachbearbeitung zu erschweren.
kann der Stammtisch ein Diskursort sein, an welchem einige elementare soziale und anthropologische Funktionen von ›Arbeit‹ sowie ihr Einsatz als Machttechnik und in Regierungstechnologien erschlossen werden können.
1. Jede Lohnarbeit erzeugt ein Machtverhältnis:
Sie zwingt das Individuum in Hierarchie und Überwachung.
Sie ist der Ordnungsfaktor im Leben und Tageslauf des Einzelnen schlechthin.
Sie greift in die menschliche Mechanik ein, indem sie den Körper regelmäßiger Bewegung unterwirft, womit Unruhe und Zerstreuung des Geistes (»polykinêtos« des Bewusstseins) ausgeschlossen werden: sie ist sicheres Heilmittel gegen Abweichungen der Einbildungskraft und sie füllt die von den verschwundenen Religionen hinterlassene existentielle Leere. (vgl. Foucault, ÜS (1977) 158ff, 307ff)
2. Die Sozialgesetzbücher, deren Gesetze von den einen kodifiziert und den anderen aufgezwungen werden (»Klassenasymmetrie«), ermöglichen es, die ärmeren Klassen zu regieren:
»Das Gesetz ist der Krieg selbst, die Strategie des aktuell stattfindenden Krieges« (Deleuze, Foucault (1986) 46f).
Faktisch autorisiert es die Bereicherung der einen und die Verarmung der anderen. Schließlich dient es der Proletarisierung der Menschen unter Annahme der härtesten Ausbeutungsbedingungen: die Arbeitenden stellen im Produktionsprozess Werkzeuge dar, die erhalten werden müssen, deren Lohn sich aber tendenziell am Existenzminimum orientiert (vgl. Foucault, OD (1974) 244f); haben sie ausgedient, lohnt auch ihr Erhalt nicht mehr, was an der aktuellen Gesundheits-, Renten- und Pflegepolitik deutlich wird.
3. Sekundiert wird das Gesetz durch den Druck eines bestimmten als universell ausgegebenen Moralsystems:
es ist ein Instrument für die Aufrecherhaltung aus Ausübung von Macht der einen über die anderen;
es ist eine Strategie, die es der einen Klasse erst erlaubt, Herrschaft über die andere auszuüben;
es wird in den Machtstützpunkten und Disziplinarmaschinen der politisch dominierenden Klasse hervorgebracht und dort den unteren Klassen auferlegt:
Gerichte, Gefängnisse, Krankenhäuser, Arbeitsmedizin, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Presse- und Informationsorganen, Arbeitsplätze und Sozialarbeit. (vgl. Foucault, DE II (2002) 401ff, 419f, 694f).
»[…] es geht für die Bourgeoisie darum, beim Proletariat mittels Strafgesetzgebung und Gefängnis, aber auch durch Zeitungen und ›Literatur‹ bestimmte Kategorien der angeblichen ›universellen‹ Moral durchzusetzen […] .« (Foucault, DE II (2002) 439) »[A]ll diese Institutionen beteiligen sich unter verschiedenen Masken an einer Unterdrückung, die in ihrer Wurzel eine politische Unterdrückung darstellt.« (Foucault, DE II (2002) 237f)
In Zentrum der Arbeitsmoral steht eine einfache Maxime: ›wer leben will, muss arbeiten!‹
Planvoll erarbeitet in den ersten modernen europäischen Gefängnissen des 18. Jh., wurde sie folgend als allgemeine Formel im gesamten bürgerlichen Gesellschaftsraum ausgebreitet
und wird seither besonders vom Bürger gegen den Bürger streng überwacht und durchgesetzt. (vgl. Foucault, ÜS (1977) 155ff, 268f)
»Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, die wir selber in Gang halten – jeder ein Rädchen.« (Foucault, ÜS (1977) 279)
4. Vertiefendes:
»Die populäre Tugend, der gute Arbeiter, der gute Vater, der gute Ehemann, sie alle achten die Ordnung des Gesetzes; das war das Bild, das die Bourgeoisie seit dem 18. Jahrhundert zeichnete und dem Proletariat aufdrückte, um es von jeglicher Form des Aufruhrs oder des gewaltsamen Aufstandes, von jeglicher Versuchung abzubringen, die Macht und ihre Spielregeln selbst in Besitz zu nehmen.« (Foucault, DE II (2002) 665)
»Was ist denn das Wertesystem, das man euch eingeschärft hat? Wenn nicht eben ein Machtsystem, Machtinstrument in den Händen der Bourgeoisie. Wenn man euch erklärt, es sei schlecht zu stehlen, gibt man euch eine bestimmte Definition des Privateigentums und weist ihm den Wert zu, den die Bourgeoisie ihm zuweist. Wenn man euch beibringt, die Gewalt nicht zu mögen, für den Frieden zu sein, keine Rache nehmen zu wollen und die Justiz dem Kampf vorzuziehen, was bringt man euch dann bei? Man bringt euch bei, dem sozialen Kampf die bürgerliche Justiz vorzuziehen. Man bringt euch bei, dass ein Richter mehr gilt als eine Rache. Genau diese Arbeit haben die Intellektuellen, die Volksschullehrer gemacht, und sie haben es gut gemacht, und genau diese Arbeit setzen jetzt auf ihrem Gebiet die Sozialarbeiter fort.« (Foucault, DE II (2002) 419)