Vorlesung: »Subjektivität und Wahrheit«

Kurz und Knapp:

Veranstalter: Polymorphose - Verein für neue Lebensformen, autonome Selbstkulturen und ästhetische Lebenskünste e.V.
Zeitraum: Februar – Mai 2023,
Zeit: 19:30 - 21:30 Uhr
Frequenz: wöchentlich - immer mittwochs
Ort: Vereinsräume Rosenweg 3, OT Baek, 16928 Groß Pankow (Prignitz)
START: 01.02.2023
Anmeldung: Eine Teilnahme ist nur mit vorheriger unverbindlicher Anmeldung per Email oder Telefon möglich.
Lektüre- und Themenplan: Hier herunterladen

Hinführung zum Autor:

Im April 2023 setzt der Polymorphose e.V. seine seminarartige Veranstaltungsreihe zu Michel Foucaults Schriften und Denken fort. Foucault gehört unserer Meinung nach zu den einflussreichsten Denkern der Gegenwart: er ist Begründer einer neuen »Diskursordnung«; sein Werk prägt entscheidend alle Kultur- und Sozialwissenschaften. Von 1970 bis zu seinem Tod 1984 hatte er einen der höchsten französischen Lehrstühle am Collège de France in Paris inne; er benannte ihn selbst: »Die Geschichte der Denksysteme«.

Kurzbeschreibung Konzept:

  • Die Veranstaltung ist als klassische (universitäre) Vorlesung mit anschließendem Gespräch konzipiert. Vorgetragen - ähnlich einer collatio ad mensam - wird der Text der Vorlesung am Collège de France von 1980/81 »Subjektivität und Wahrheit« nach der Suhrkamp Ausgabe von 2016. Anschließend soll ein freies Gespräch, die Inhalte des Vortrags in Bezug auf persönliche Erfahrungen, Erlebnisqualitäten und andere Ideologeme aufgreifen.

»Schließlich habe ich zu klären versucht – und daran arbeite ich auch gegenwärtig noch -, auf welche Weise ein Mensch zum Subjekt wird. Dabei habe ich meine Forschungen auf die Sexualität ausgerichtet und zum Beispiel untersucht, auf welche Weise der Mensch gelernt hat, sich als Subjekt einer ›Sexualität‹ zu begreifen. Das umfassende Thema meiner Arbeit ist also nicht die Macht, sondern das Subjekt.« (Foucault, DE IV (2005) 270)

  • Im wöchentlichen Turnus (s. Lektüre- und Themenplan) wird je eine Sitzung der Vorlesung verlesen und besprochen. Die Sitzungen sollen von allen Teilnehmenden vorbereitet und alternierend durch sie gelesen und geleitet werden. Unsere diesjährige Veranstaltung richtet sich ausschließlich an Menschen, die bereits unsere anderen Foucault-Veranstaltungen besucht haben sowie an solche, die sich selbst mindestens als Fortgeschrittene-Foucaultianer betrachten. Neben dem persönlichen Gespräch soll v.a. der schöne Klang der Texte genossen und als Anregung genutzt werden.

» […] die Vorstellung, geschützt in einer lernbegierigen Umgebung, in einem intellektuellen Milieu zu leben, hat mich immer fasziniert.« (Foucault, DE IV (2005) 646)

  • Am Ende der Seminarzeit sind Sitzungen ohne direkten Textbezug geplant, in welchen größere Zusammenhänge und Konzepte der Vorlesung sowie andere Fragen erschlossen werden können.

»Welche Beziehungen bestehen zwischen Wahrheit, Macht und Selbst?« (Foucault, DE IV (2005) 965f)

Zusammenfassung der Vorlesung und Impressionen

»Wie wurde das Subjekt zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen institutionellen Kontexten als mögliches, wünschenswertes oder sogar unerlässliches Objekt der Erkenntnis etabliert? Wie wurden die Selbsterfahrung und das Wissen über sich selbst in den verschiedenen Schemata geordnet? Wie wurden diese Schemata definiert, bewertet, empfohlen und durchgesetzt?« (Foucault, DE IV (2005) 258-264)

»Den nützlichsten Leitfaden bieten wohl die »Techniken des Selbst«, wie man sie nennen könnte, also die in allen Kulturen anzutreffenden Verfahren zur Beherrschung oder Erkenntnis seiner selbst, mit denen der Einzelne seine Identität festlegen, aufrechterhalten oder im Blick auf bestimmte Ziele verändern kann oder soll. Es geht darum, die für unsere Kultur so typische Forderung nach Selbsterkenntnis in den umfassenderen Rahmen der mehr oder weniger expliziten Frage zu stellen, was man mit sich selbst tun, welche Arbeit man an sich verrichten und wie man »Herrschaft über sich selbst« erlangen soll durch Aktivitäten, in denen man selbst zugleich Ziel, Handlungsfeld, Mittel und handelndes Subjekt ist.« (Foucault, DE IV (2005) 258-264)

»Dieses Projekt liegt am Kreuzungspunkt zweier schon früher behandelter Themen: einer Geschichte der Subjektivität und einer Analyse der Formen der »Gouvernementalität«.« (Foucault, DE IV (2005) 258-264)

»Die Geschichte der »Sorge um sich« und der »Techniken des Selbst« ist also gleichfalls eine Geschichte der Subjektivität, allerdings nicht mehr auf dem Weg über die Teilung zwischen Irren und Nichtirren […], sondern über die in unserer Kultur erfolgte Herstellung und Veränderung der »Beziehungen zu sich selbst« samt ihrem technischen Apparat und ihren Auswirkungen auf das Wissen. Man könnte das Problem auch der »Gouvernementalität« unter einem anderen Blickwinkel angehen, nämlich dem der Herrschaft über sich selbst im Zusammenhang mit den Beziehungen zu den anderen (wie wir sie in der Pädagogik, den Ratgebern zur Lebensführung, der spirituellen Anleitung oder den Anweisungen für ein vorbildliches Leben finden).« (Foucault, DE IV (2005) 258-264)

»Denn die »Technologie des Selbst« — das Nachdenken über Lebensweisen, die Wahl einer Lebensform, die Regulierung des eigenen Verhaltens, die Selbstzuweisung von Zielen und Mitteln — erfuhr in der hellenistischen und römischen Zeit eine derartige Entwicklung, dass sie die philosophischen Aktivitäten zu einem guten Teil absorbierte.« (Foucault, DE IV (2005) 258-264)